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Ursula Bogner, 1978

Nahezu unglaublich, dass Ursula Bogner als Musikerin bis dato unentdeckt geblieben ist. Und genauso unglaublich, und doch wieder alltäglich, liest sich ihre Biografie.
In einem Flugzeug auf dem Weg nach Vlinius machte ich die Bekanntschaft mit Sebastian Bogner, den Sohn Ursulas, der, so erzählte er, auf Geschäftsreise sei und in der Pharmaindustrie tätig ist. Schnell kamen wir über den üblichen Smalltalk auf seine Mutter zu sprechen, die ‚auch mit Synthesizern musizierte’, allerdings rein privatistisch, in einem hierfür eigens eingerichteten Musikzimmer im elterlichen Wohnhaus. Das Interesse ihres Umfelds war gering, die Musik wurde als eines ihrer vielen exzentrischen Hobbys wahrgenommen. Denn vordergründig war Ursula Bogners Lebenswelt durch und durch bürgerlich: Pharmazeutin, Ehefrau, Mutter inklusive Einfamilienhaus. Umso bizarrer scheint ihre Obsession für elektronische Musik. Einer Obsession, die sie glücklicherweise dazu antrieb, ein eigenes Studio einzurichten, um dort zu experimentieren und Aufnahmen zu machen.

 

Gemessen an den üblich chronologischen Eckdaten, ist Ursula Bogners Biografie schnell erzählt: 1946 in Dortmund geboren und aufgewachsen, zog sie 19jährig nach Westberlin um Pharmazie zu studieren. Kurz nach dem Studium begann sie für den großen Pharmakonzern Schering zu arbeiten. Es folgten Heirat und Kinder, sowie eine erfolgreiche aber nicht Aufsehen erregende Karriere als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Konzern. Parallel dazu wuchs ihr Interesse an elektronischer Musik. Anfang 20 verfolgte sie die Aktivitäten um das Studio für elektronische Musik in Köln, besuchte Seminare des Studiogründers Herbert Eimert, begeisterte sich für Musique Concrète und teilte später mit ihren Kindern die Liebe zu englischen New-Wavepop. Doch Ursula Bogner war nie aktiver Bestandteil einer Szene, schien nicht ambitioniert, ihre Musik einer Öffentlichkeit zugängig machen zu wollen. Vielleicht war dies verschuldet durch eine Neugier, die sich bei weitem nicht auf die Musik beschränkte: Sie malte, druckte (2 ihrer Linoldrucke sind abgebildet) und war Anhängerin der Orgonomie Wilhelm Reichs, des bizarren Spätwerks des Sexualforschers und Psychoanalytikers, dessen Erkenntnis in der Entdeckung der ‚Orgonenergie’ lag. Einer spezifischen über die Sonne abgegebenen Energie, die Reich für Heilzwecke zu bündeln, bzw. mittels einer von ihm entwickelten Apparatur zu sammeln versuchte. Folglich wurden diese aus Holz und Metall konstruierten Kabinen ‚Orgonakkumulatoren’ genannt. (s. Abbildung) Inspiriert durch mehrere Reisen nach ‚Orgonon’ in Maine, USA‚ der ehemaligen Arbeits- und Wohnstätte Wilhelm Reichs, baute auch Ursula Bogner sich solch einen Akkumulatoren. Er befand sich im Garten der Familie. Spätestens hier drängt sich ein Verdacht auf, den Sebastian Bogner zu bestätigen weiß: Seine Mutter war durch und durch affin fürs Esoterische. Berge von New Age Literatur und grenzwissenschaftlichen Arbeiten waren Bestandteil des Bognerischen Alltags. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass sie sich zugleich immer auch als Mitarbeiterin des Schering Konzerns in einem Wissenschaftskanon bewegte. Auch ihre Kompositionen besitzen wenig Nähe zur Esoterik, haben vielmehr Studien- und Skizzencharakter, sind zugleich humoristisch, und in Bezug auf ihre Biografie eher albern, als irgendeiner Mystik oder Wissenschaft verpflichtet. Nichtsdestotrotz fällt es schwer, ihr Werk als Ganzes zu greifen. Man kann sagen, dass sich über 20 Jahre hin eine große Bandbreite anhäufte, und dementsprechende enorm ist die Fülle ihrer Arbeit.


Ursula Bogner, 1966 / Orgonakkumulator (by courtesy of Orgoninstitut, Dr. Trettin, Berlin)

Ursula Bogner begann in den späten 60er Jahren ihre Musik auf Tonbändern aufzuzeichnen. Vereinzelt lagen nur die einzelnen Spuren der auf einem 4-Spurrecorder aufgenommenen Stücke vor, so dass ich im Nachhinein die jeweiligen Bänder erneut zusammenmischen musste. Leider konnte sie mir bei dieser Arbeit nicht mehr zur Seite stehen, da Ursula Bogner bereits 1994 in Berlin verstarb. Beruft man sich auf die Authentizität des Originals ist das vielleicht unsensibel, aber auf anderem Wege war es nicht möglich, die Stücke in ihrer Ganzheit zu hören. Letztendlich befinden sich nur drei dieser ‚Bearbeitungen’ auf der CD. Alle anderen Titel entsprechen den Originalbändern. Ihre Entstehungsjahre liegen eng beieinander, und auch inhaltlich kann man, so hoffe ich, eine Kohärenz erkennen. Eine Kohärenz, die eine zugängliche, rhythmische, streckenweise ‚poppige’ Facette widerspiegelt. Und natürlich hat bei der Auswahl auch meine persönliche Vorliebe mit entschieden. Müsste ich mit dem Finger auf meine Favoriten deuten, wären es gewiss die auf der CD versammelten Stücke; jedes Mal erneut erliege ich fast kichernd der Nonchalance, die in diesen Titeln mitschwingt. Viele Stunden Musik bleiben so unentdeckt, aber eine weitere Zusammenstellung ist bereits in Arbeit.

 

Mein Dank geht an die Familie Bogner und insbesondere Sebastian Bogner, der mir die Tonbänder großzügigerweise zur Verfügung stellte sowie Einblick in das Leben seiner Mutter gewährte. Bleibt nur, den Hörern dieselbe Begeisterung zu wünschen, die ich bei der Entdeckung Ursula Bogners hatte.

 

Jan Jelinek



Jupiter, Ursula Bogner, 1972

Titel

1. Begleitung für Tuba (1982)

Gleich zu Beginn ein Titel, der neu abgemischt werden musste, da nur die einzelnen Spuren vorlagen: Einfache Filtermodulation hangeln sich um ein Bassmotiv, das klanglich an eine Tuba erinnert. Kann man eleganter eine Tuba zum swingen bringen?

2. Inversion (1978)

Offensichtliche Random-Modulationen sind zu einzelnen Loops geschnitten worden, die sich ineinander verzahnen, ablösen und vertauschen. So erklärt sich vielleicht auch der Titel. Trotz des Skizzencharakters wirkt ‚Inversion’ zugänglich, ja fast ‚festlich’, so als ob es die Eröffnung einer außerplanetarischen Gala einleiten würde.

7. Speichen (1979)

Leicht variierende Percussionkaskaden setzten zu einem Duett mit einer weiteren Rhythmusspur an. Die Letztere ist offensichtlich nicht von Synthesizern erzeugt. Wie Sebastian Bogner mir verriet, hat seine Mutter gerne Arbeitswerkzeug mit Kontaktmikrofonen versehen. Vermutlich wurde die zweite Spur mit so einem Werkzeug eingespielt - was auch immer es war.

11. Expansion (1979)

‚Speichen’ und ‚Expansion’ sind im selben Jahr entstanden und haben inhaltliche Gemeinsamkeiten. Auch hier wieder ein Rhythmusmuster, das kaskadenförmig einen Hang hinab zu stolpern scheint. Dazu eine Art ‚Thema’, dass in einer Echokammer nervös seine Bestimmung sucht. Übrigens einer der wenigen Titel, die mit einem Echoeffekt aufgenommen worden sind.

15. Soloresonanzen (1988)

Wiederkehrende Resonanzen verdichten sich zu einem arktischen Schneetreiben. ’Soloresonanzen' läutet eine neue, minimalistischere Phase Bogners ein. Mehr dazu vielleicht auf der nächsten Zusammenstellung.