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Ursula Bogner: Winkel Pong

 


Faitiche ist hocherfreut, die Veröffentlichung einer neuen Ursula Bogner Single (faitiche15) präsentieren zu dürfen. Winkel Pong beinhaltet drei bislang unveröffentlichte Stücke aus dem Archiv der 1994 verstorbenen Klangforscherin. Bereits 2008 stellte Jan Jelinek ein Album aus Bogners Tonbandarchiv zusammen (CD/LP Recordings 1969-1988, faitiche01). Ein weiteres folgte 2011, diesmal von Andrew Pekler kompiliert (CD/LP Sonne = Blackbox, begleitend zur gleichnamigen Buchveröffentlichung mit Texten, Fotos und Bogners graphischem Werk). Für Winkel Pong wurde das Tonbandarchiv an Lucrecia Dalt weitergereicht. Die in Berlin lebende kolumbianische Klangkünstlerin und Musikerin stellte drei Titel aus den 1980er Jahren zusammen (ein genaues Entstehungsjahr ist unbekannt). Anlässlich der Winkel Pong Veröffentlichung editierte und mischte Lucrecia Dalt die Tonbandaufnahmen neu.    

 

 

 

Format: 7” Vinyl/DL

Label#: faitiche15

Release date: Sept 8th 2017

 

 


Gundrun Gut (Malaria!, Einstürzende Neubauten), seit den 80er Jahren Aktivistin und unfreiwillige Chronistin der Berliner Underground Szene, arbeitete bereits mit Lucrecia Dalt zusammen. Auch ist ihr Ursula Bogners Werk vertraut. Grund genug, mit ihr ein Interview zu führen: 

 

Jan Jelinek: Liebe Gudrun. Wie fühlt es sich an, immer wieder aufs Neue als Zeitzeugin vom Berliner Underground der 80er erzählen zu müssen?

 

Gudrun Gut: Ich habe mich mit der Situation abgefunden, da es offenbar zu wenige Zeitzeuginnen gibt. Vielleicht ist es sogar wichtig, als Frau diese Interviews zu machen - damit gesagt wird, dass Musikgeschichte auch von Frauen geschrieben worden ist. Bei Männern bleibt das gerne unerwähnt. Leider werden aber immer wieder die gleichen Fragen gestellt

 

JJ: Wusstest Du in den 80er Jahren von Ursula Bogner? Bist Du Ihr jemals begegnet?

 

GG: Nein, ich habe Ursula Bogner niemals persönlich getroffen und sie erst 2008 über Faitiche entdeckt. Was aber auch kein Wunder ist: Erstens kenne ich ja nicht all Künstlerinnen und zweitens erblicken viel zu viele Künstlerinnen niemals das Licht des Tages. Im männlichen dominierten Kunst- und Musikmarkt werden Frauen nicht wichtig genommen - oder noch schlimmer: Sie werden nicht verstanden. Siehe Künstlerinnen wie Sonia Delaunay, Eva Hesse, Bebe Baron, Delia Derbyshire und Daphne Oram. Einige sind zwar nun entdeckt worden - aber auch erst seit ein paar Jahren. In den letzten Jahren hat sich viel verändert: Es gibt ein wachsendes Bewusstsein für weibliche Kunst und Musik.    

 

JJ: Aber es ist doch ärgerlich, dass klassische Rollenzuschreibungen immer noch angewendet werden. Ein Beispiel: Ursula Bogner wurden in vielen Artikeln als „elektronische Hausfrau“ vorgestellt.

 

GG: Wenn Ursula Bogner als elektronische Hausfrau bezeichnet wird, beschreibt das leider auch die damalige Lebenssituation vieler Küsterinnen. Die Frau konnte nur im Privatem künstlerisch tätig sein  - die Transzendenz war den Männern vorbehalten. Das ist nach wie vor nicht überwunden. Heutzutage ist das Heim aber zur professionellen Produktionsstätte für alle geworden. Gemeint sind Bedroom Producer: Es ist ganz normal, Kunst und Musik zuhause zu erschaffen. Und da wird es interessant, weil ‚Zuhause arbeiten‘ nicht mehr weiblich besetzt ist.

 

JJ: Anlässlich von Winkel Pong hat Lucrecia Dalt drei Stücke aus dem Archiv von Bogner zusammengestellt und abgemischt. Du kennst Lucrecia und hast bereits mit ihr zusammengearbeitet. Wie habt Ihr Euch kennengelernt?  

 

GG: Lucrecia habe ich – ich glaube 2007 - über MySpace kennengelernt. Damals lebte sie noch in Medellin, Kolumbien. Lucrecias Vater konstruierte für sie Loopmaschinen, die sie immer noch benutzt. Sie war als The Sound of Lucrecia dann Teil meiner 4 Women no Cry Compilation Serie auf Monika Enterprise mit jeweils 4 Produzentinnen aus unterschiedlichsten Ländern. Es macht großen Spaß, ihr beim performen zuzuschauen, denn ihr musikalisches Gespür und Rhythmusgefühl sind einzigartig. Mich beeindruckt vor allem, dass sie eine stetig arbeitende Künstlerin ist, die auch über Ecken denken kann und will. Ich denke da im Konkretem an Ihr Album Ou. Dafür hat Lucrecia sich mit dem Deutschen Nachriegskino auseinandergesetzt, oder besser: daran abgearbeitet, um sich so zu einem Soundtrack inspirieren zu lassen. Das zeugt von Ingenieurdenken - da macht es total Sinn, dass sie jetzt das Werk von Ursula Bogner erkunden will.

 

Berlin, 2017

 

 

Mehr zu Lucrecia Dalt:

 

Die in Berlin lebende Musikerin, Klangkünstlerin und Radioproduzentin wurde 1980 in Pereira, Kolumbien, geboren. Die ausgebildete Bauingenieurin beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit dem Neuen Deutschem Kino, Geotechnik, Künstlicher Intelligenz, der Ethik des Hörens sowie technischen Konzeptionen der Zukunft. Sie veröffentlichte fünf Alben, produziert Podcastsendungen für Radio Web MACBA und entwickelt zusammen mit der bildenden Künstlerin Regina de Miguel Soundinstallationen und Performancestücke.


'Lochfraß & Flechtengesellschaft', aus der Serie 'Texturobjekte', U. Bogner 1967

Tracklisting:


A1. Atmosphärische Energie (3:42)

B1. Winkel Pong (2:03)

B2. Feldspat (2:21)


A1: Atmosphärische Energie
B1: Winkel Pong

Mastering by Giuseppe Ielasi, Graphic design by Tim Tetzner, special thanks to Ursula Böckler.